Bruttomarge (Gross Margin)

In Short

Bruttomarge ist der Anteil des Umsatzes, der nach Abzug der unmittelbar für die verkauften Produkte und Leistungen angefallenen Kosten verbleibt.

Was ist die Bruttomarge?

Bruttomarge (englisch Gross Margin) bezeichnet den Anteil des Umsatzes, der einem Unternehmen bleibt, nachdem die Kosten abgezogen sind, die unmittelbar durch die verkauften Produkte oder Leistungen entstanden sind. Ein Eiscafé, das eine Kugel für 2,00 Euro verkauft und dafür 0,60 Euro für Eis, Becher und Löffel ausgibt, behält je Kugel 1,40 Euro, also 70 % des Preises. Davon muss es noch Miete, Personal und alles Weitere bezahlen. Ebenso bezahlt ein Unternehmen aus seinem Rest alle weiteren Kosten, etwa für Vertrieb, Verwaltung und Produktentwicklung, bevor ein Gewinn entsteht.

Die unmittelbar zurechenbaren Kosten heißen Umsatzkosten (Cost of Revenue, im Handel auch Cost of Goods Sold). Der Betrag, der nach ihrem Abzug in Euro verbleibt, heißt Bruttoergebnis; die Bruttomarge setzt ihn ins Verhältnis zum Umsatz. Davon zu unterscheiden ist der Rohertrag, bei dem vom Umsatz nur der Material- oder Wareneinsatz abgezogen wird. Die Bruttomarge steht im Finanzmodell, in der Präsentation für Investoren (Pitch Deck), in Monatsberichten und in jeder Financial Due Diligence, der Prüfung der Finanzzahlen durch Investoren oder Käufer. Gesetzlich definiert ist sie nicht. Welche Kosten hineingehören, legt das Unternehmen selbst fest, und darin liegt ihre wichtigste Schwäche.

Berechnung und Bestandteile der Umsatzkosten

Die Formel lautet: Bruttomarge gleich Umsatz minus Umsatzkosten, geteilt durch Umsatz, mal 100. Maßgeblich ist der Nettoumsatz ohne Umsatzsteuer und nach Rabatten, Gutschriften und Retouren. Das entspricht den Umsatzerlösen nach § 277 Abs. 1 HGB, von denen Erlösschmälerungen wie Rabatte und Skonti sowie die Umsatzsteuer abzuziehen sind.

Software im Abonnement

Bei Software, die als Abonnement über das Internet bereitgestellt wird (Software as a Service, SaaS), gehören typischerweise vier Posten zu den Umsatzkosten. Das sind der Betrieb auf Servern und in der Cloud (Hosting), Lizenzen für fremde Software im Produkt, das Personal für Kundensupport und technischen Betrieb sowie die Einrichtung beim Kunden (Onboarding) mit Datenübernahme und Schulung. Nicht dazu gehören Produktentwicklung, Vertrieb und Marketing. Diese Abgrenzung ist der wichtigste Stellhebel der Kennzahl: Wer Supportkosten der Entwicklung zuordnet, weist eine höhere Bruttomarge aus, ohne dass sich wirtschaftlich etwas ändert.

Handel und E-Commerce

Im Handel besteht der größte Teil der Umsatzkosten aus dem Wareneinsatz, also dem Einkaufspreis der verkauften Ware einschließlich Fracht und Zoll. Ob Versand zum Kunden, Verpackung, Zahlungsgebühren und Retourenabwicklung ebenfalls abgezogen werden, ist uneinheitlich. Manche Onlinehändler zeigen diese Kosten in der Bruttomarge, andere erst im Deckungsbeitrag, dem Betrag, der nach Abzug aller variablen Kosten vom Umsatz bleibt. Vergleiche sind deshalb nur aussagekräftig, wenn die Definition bekannt ist.

Bruttomarge im Jahresabschluss nach HGB

Der Jahresabschluss nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) kennt den Begriff Bruttomarge nicht. Welche Größe ihr am nächsten kommt, hängt davon ab, wie die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) gegliedert ist. Das HGB lässt zwei Verfahren zu.

Gesamtkostenverfahren: Rohertrag und Rohergebnis

Beim Gesamtkostenverfahren nach § 275 Abs. 2 HGB, das in Deutschland verbreitet ist, werden die Aufwendungen nach ihrer Art gegliedert, etwa Materialaufwand und Personalaufwand. Der Rohertrag ergibt sich in der Praxis aus den Umsatzerlösen, plus oder minus Bestandsveränderungen an selbst hergestellten, noch nicht verkauften Erzeugnissen, minus Materialaufwand. Kleine und mittelgroße Kapitalgesellschaften dürfen nach § 276 HGB mehrere Posten zum Rohergebnis zusammenfassen, das zusätzlich unter anderem die sonstigen betrieblichen Erträge enthält; die Umsatzerlöse sind dann nicht gesondert zu sehen.

Für Software- und Dienstleistungsunternehmen ist entscheidend: Personalkosten für Support oder Einrichtung stehen im Personalaufwand, nicht im Materialaufwand. Der Rohertrag liegt deshalb regelmäßig über der Bruttomarge, mit der das Unternehmen intern steuert.

Umsatzkostenverfahren: Bruttoergebnis vom Umsatz

Beim Umsatzkostenverfahren nach § 275 Abs. 3 HGB werden die Aufwendungen nach Funktionen gegliedert. Von den Umsatzerlösen werden die Herstellungskosten der zur Erzielung der Umsatzerlöse erbrachten Leistungen abgezogen, der Saldo heißt Bruttoergebnis vom Umsatz. Er kommt der Bruttomarge näher, weil auch Personalkosten der Leistungserbringung abgezogen werden, hängt aber davon ab, wie das Unternehmen Kosten auf Herstellung, Vertrieb und Verwaltung verteilt.

Bedeutung für Bewertung und Due Diligence

Bruttomarge und Umsatzmultiplikator

Wachstumsunternehmen werden häufig mit einem Vielfachen ihres Umsatzes bewertet (Revenue Multiple). Das unterstellt, dass aus dem Umsatz später hohe Gewinne werden, und das gelingt nur, wenn nach den Umsatzkosten viel übrig bleibt. Zwei Unternehmen mit gleichem Umsatz und Wachstum erhalten deshalb unterschiedliche Bewertungen, wenn das eine 80 % und das andere 40 % Bruttomarge erzielt. Im zweiten Fall setzen Investoren niedrigere Multiplikatoren an oder rechnen mit dem Bruttoergebnis statt mit dem Umsatz.

Bei Software im Abonnement erwarten Investoren in der Praxis häufig Bruttomargen von 70 % und mehr. Hohe Anteile an Hardware, Dienstleistung oder Drittlizenzen senken die Marge. Dann stellt sich in der Unternehmensbewertung die Frage, ob das Geschäft eher wie Software oder wie Dienstleistung zu bewerten ist.

Prüfung in der Due Diligence

In der Due Diligence wird die Bruttomarge aus den Buchhaltungsdaten neu hergeleitet. Geprüft wird, welche Konten den Umsatzkosten zugeordnet sind und ob diese Zuordnung über alle Perioden gleich blieb. Außerdem fragen die Prüfer, ob Personalkosten für Support und Einrichtung in Entwicklung oder Vertrieb verlagert wurden. Bei Plattformen, die fremde Leistungen vermitteln, kommt hinzu, ob sie das gesamte vermittelte Volumen oder nur ihre Provision als Umsatz zeigen. Weicht das Ergebnis von der Zahl im Pitch Deck ab, stützt sich die Bewertung auf die nachgeprüfte Zahl.

Rechenbeispiel

Ein Softwareunternehmen erzielt 4.000.000 Euro Nettoumsatz. Hosting und Drittlizenzen bucht es als bezogene Leistungen im Materialaufwand, Support und Einrichtung im Personalaufwand.

  • Hosting und Cloud-Infrastruktur: 360.000 Euro
  • Drittlizenzen im Produkt: 120.000 Euro
  • Personal für Kundensupport: 280.000 Euro
  • Personal für Einrichtung beim Kunden: 240.000 Euro
  • Umsatzkosten gesamt: 360.000 + 120.000 + 280.000 + 240.000 = 1.000.000 Euro
  • Bruttoergebnis: 4.000.000 minus 1.000.000 = 3.000.000 Euro
  • Bruttomarge: 3.000.000 geteilt durch 4.000.000 = 75 %
  • Rohertrag nach Gesamtkostenverfahren: 4.000.000 minus 480.000 Materialaufwand = 3.520.000 Euro, das sind 88 % des Umsatzes

Ein Onlinehändler erzielt 2.500.000 Euro Nettoumsatz nach Retouren. Der Wareneinsatz beträgt 1.375.000 Euro, der Versand zum Kunden 200.000 Euro und die Zahlungsgebühren 50.000 Euro.

  • Rohertrag: 2.500.000 minus 1.375.000 = 1.125.000 Euro, Bruttomarge nach enger Definition 1.125.000 geteilt durch 2.500.000 = 45 %
  • Bruttomarge nach erweiterter Definition: 1.125.000 minus 200.000 minus 50.000 = 875.000 Euro, geteilt durch 2.500.000 = 35 %
  • Zum Vergleich der Aufschlag auf den Einstandspreis, also den Einkaufspreis samt Bezugskosten: 1.125.000 geteilt durch 1.375.000 = 81,8 %

Das Ergebnis bedeutet: Wächst der Umsatz beider Unternehmen bei gleicher Marge um 1 Mio. Euro, stehen dem Softwareunternehmen 750.000 Euro zusätzlich für Entwicklung, Vertrieb und Verwaltung zur Verfügung, dem Händler je nach Definition 350.000 bis 450.000 Euro. Zugleich zeigt das Beispiel, warum die Definition offengelegt werden muss: Zwischen Rohertrag und steuerungsrelevanter Bruttomarge liegen beim Softwareunternehmen 13 Prozentpunkte, beim Händler 10.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

  • Deckungsbeitrag (Contribution Margin): zieht vom Umsatz alle variablen Kosten ab, auch umsatzabhängige Vertriebskosten wie Provisionen, aber keine fixen. Weil die Umsatzkosten oft fixe Teile enthalten, etwa ein fest angestelltes Supportteam, liegt er je nach Kostenstruktur über oder unter dem Bruttoergebnis.
  • Umsatzrentabilität: setzt den Gewinn nach allen Kosten ins Verhältnis zum Umsatz.
  • EBITDA-Marge: das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im Verhältnis zum Umsatz. Sie berücksichtigt zusätzlich Vertrieb, Verwaltung und Entwicklung.
  • Aufschlag (Kalkulationsaufschlag): bezieht den Rohertrag auf den Einstandspreis statt auf den Verkaufspreis.
  • Fixkosten und variable Kosten: Umsatzkosten sind überwiegend, aber nicht vollständig variabel. Ein fest angestelltes Supportteam verursacht auch bei sinkendem Umsatz zunächst gleich hohe Kosten.

Typische Fehler

  • Umsatzkosten verlagert. Support, Einrichtung oder Hosting werden der Entwicklung oder Verwaltung zugeordnet. Die Marge steigt auf dem Papier und fällt in der Due Diligence wieder auf ihr tatsächliches Niveau.
  • Rohertrag als Bruttomarge ausgegeben. Der Rohertrag aus dem Gesamtkostenverfahren überzeichnet bei Software und Dienstleistung die Marge, weil Personalkosten fehlen.
  • Brutto- und Nettoumsatz vermischt. Umsatz einschließlich Umsatzsteuer oder vor Retouren und Rabatten verzerrt die Kennzahl.
  • Marge und Aufschlag verwechselt. Wer mit einem Aufschlag von 50 % kalkuliert, erzielt eine Marge von nur 33,3 %. Preisentscheidungen auf falscher Basis führen zu Unterdeckung.
  • Durchschnitt verdeckt Unterschiede. Eine Gesamtmarge kann aus einem Softwaregeschäft mit hoher und einem wachsenden Dienstleistungsgeschäft mit niedriger Marge bestehen. Erst die Aufteilung nach Umsatzarten zeigt, wohin sie sich entwickelt.

Häufige Fragen

Ist die Bruttomarge dasselbe wie der Rohertrag?

Nicht zwingend. Der Rohertrag im Gesamtkostenverfahren zieht nur den Materialaufwand ab, die Bruttomarge im Sinne der Unternehmenssteuerung auch Personalkosten und weitere Kosten der Leistungserbringung. Im Handel liegen beide Größen oft nah beieinander, bei Software und Dienstleistung können sie deutlich auseinanderfallen.

Ist ein Unternehmen mit hoher Bruttomarge profitabel?

Nicht unbedingt. Die Bruttomarge zeigt nur, was nach den direkten Kosten bleibt. Ein Softwareunternehmen mit 80 % Bruttomarge schreibt trotzdem Verluste, wenn Vertrieb, Entwicklung und Verwaltung mehr kosten als das Bruttoergebnis. Ob ein Gewinn entsteht, zeigen erst EBITDA-Marge und Umsatzrentabilität.

Gehören Personalkosten in die Umsatzkosten?

Ja, soweit sie unmittelbar der Leistungserbringung dienen. Das betrifft etwa Support, technischen Betrieb und die Einrichtung beim Kunden. Personal für die Entwicklung neuer Funktionen, für Vertrieb und für Verwaltung gehört nicht dazu.

Welche Bruttomarge erwarten Investoren bei Software?

Bei reinen Abonnementmodellen in der Praxis häufig 70 % und mehr. Bei niedrigeren Werten fragen Investoren vor allem, ob der Anteil margenschwacher Umsätze mit wachsender Größe sinkt.

Wie verändert Wachstum die Bruttomarge?

Bei Software steigt sie häufig mit der Größe, weil sich Infrastruktur und Support auf mehr Kunden verteilen; das ist ein Kern der Skalierbarkeit. Sinkt die Marge trotz Wachstum, deutet das auf Preisdruck oder steigende Kosten je Kunde hin.

Roemer Capital Perspektive

Bevor wir eine Finanzierungsrunde oder einen Verkauf vorbereiten, leiten wir die Bruttomarge aus der Buchhaltung des Mandanten neu her. Ihre Definition legen wir schriftlich fest: welche Konten zu den Umsatzkosten gehören und wie sich die Kennzahl zum Rohertrag im Jahresabschluss überleiten lässt. Diese Definition gilt dann im Finanzmodell, im Pitch Deck und im Datenraum gleichermaßen, sodass Investoren und Käufer in ihrer Prüfung dieselbe Zahl wiederfinden.

Liegt die Marge unter dem, was für das Geschäftsmodell erwartet wird, zeigen wir offen, aus welchen Kosten die Lücke besteht und wie sie sich schließen lässt. Übernehmen wir als Fractional CFO die Finanzfunktion auf Zeit, berichten wir die Kennzahl monatlich nach genau dieser Definition.

Benötigt ihr Unterstützung?

Egal, ob du deinen Pitch verfeinerst, deine Fundraising-Strategie planst oder dein Unternehmen skalierst: Wir helfen dir gerne weiter.

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Artikel recherchiert und geschrieben von:

Bruttomarge (Gross Margin)
Lucas Roemer
CEO von Roemer Capital
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