Default Alive

Kurz erklärt

Default Alive heißt, dass ein Unternehmen bei aktuellem Wachstum und gleichbleibenden Kosten die Gewinnschwelle erreicht, bevor seine Mittel verbraucht sind.

Was bedeutet Default Alive?

Default Alive (aus eigener Kraft tragfähig) beschreibt ein Unternehmen, das bei unverändertem Umsatzwachstum und gleichbleibenden Kosten die Gewinnschwelle erreicht, bevor seine liquiden Mittel aufgebraucht sind. Liquide Mittel sind Bankguthaben und Kasse, Gewinnschwelle meint hier den Monat, ab dem die Einzahlungen die Auszahlungen decken. Trifft das nicht zu, spricht man von Default Dead: Das Unternehmen ist dann auf eine weitere Finanzierung oder auf eine Änderung seiner Kosten- oder Umsatzentwicklung angewiesen.

Die Unterscheidung stammt aus der US-amerikanischen Gründerszene. Geprägt hat sie der Investor Paul Graham, Mitgründer des Accelerators Y Combinator, 2015 in einem Essay, der beide Begriffe einander gegenüberstellt. Als Prüffrage für Wachstumsunternehmen hat sie sich auch in Deutschland verbreitet. Sie wird in Gesellschafter- und Beiratssitzungen, in der Finanzplanung und in Gesprächen mit Investoren verwendet. Ein Rechtsbegriff ist sie nicht. Sie verdichtet die Liquiditätsplanung auf eine einzige Frage, nämlich ob das Geschäft sich trägt, bevor die Mittel ausgehen, oder ob der Fortbestand von der nächsten Runde abhängt.

Die Prüffrage und ihre Eingangsgrößen

Die Prüfung verbindet drei Größen: den Bestand an frei verfügbaren liquiden Mitteln, die Entwicklung der Auszahlungen und die Entwicklung der Einzahlungen. Aus ihnen ergeben sich zwei Zeitpunkte. Der erste ist der Monat, in dem die Einzahlungen die Auszahlungen erstmals decken. Der zweite ist der Monat, in dem die Mittel verbraucht wären, wenn sich der Net Burn, also der monatliche Überschuss der Auszahlungen über die Einzahlungen, wie geplant entwickelt. Liegt der erste Zeitpunkt vor dem zweiten, ist das Unternehmen Default Alive.

Formel: Default Alive, wenn die Summe des monatlichen Net Burn bis zum Erreichen der Gewinnschwelle kleiner ist als die verfügbaren liquiden Mittel abzüglich eines Sicherheitspuffers.

Der Unterschied zur einfachen Reichweitenrechnung liegt in der Dynamik. Die Runway teilt die liquiden Mittel durch den monatlichen Netto-Mittelabfluss und zeigt, wie lange die Mittel reichen. Die Default-Alive-Prüfung fragt zusätzlich, ob sich der Abfluss innerhalb dieser Zeit durch Wachstum auf null zurückbildet. Deshalb kann ein Unternehmen, das heute weit mehr ausgibt, als es einnimmt, Default Alive sein, wenn seine Einzahlungen schnell genug steigen. Umgekehrt ist ein Unternehmen mit geringem Mittelabfluss Default Dead, wenn sein Umsatz stagniert und die Mittel irgendwann verbraucht sind.

Annahmen und Grenzen der Rechnung

Die Aussagekraft der Prüfung hängt an vier Annahmen:

  • Fortschreibung des Wachstums: Die Rechnung unterstellt, dass die Einzahlungen weiter wie bisher wachsen. Wer in der Rechnung Vertriebs- und Marketingausgaben kürzt und zugleich das bisherige Wachstum fortschreibt, rechnet zu optimistisch, weil Wachstum mit sinkendem Vertriebsaufwand in der Regel abflacht.
  • Kostenentwicklung: Die ursprüngliche Prüffrage unterstellt gleichbleibende Kosten. Das ist selten realistisch, weil wachsender Umsatz meist mehr Personal, Infrastruktur und Kundenbetreuung erfordert. Für eine belastbare Aussage wird die Burn Rate deshalb mit den beschlossenen und absehbaren Einstellungen fortgeschrieben.
  • Zahlungs- statt Ergebnisbasis: Maßgeblich ist, wann Einzahlungen die Auszahlungen decken. Die Gewinnschwelle laut Gewinn- und Verlustrechnung kann früher oder später liegen, etwa wegen Zahlungszielen, Vorauszahlungen oder Investitionen.
  • Mindestliquidität: Ein Unternehmen, das die Gewinnschwelle mit einem Restbestand nahe null erreicht, hat keinen Spielraum für Planabweichungen. Belastbar ist die Aussage erst mit einem Sicherheitspuffer.

In einem Finanzmodell mit Basisfall, vorsichtigem und optimistischem Fall lässt sich die Prüfung für jeden Fall getrennt durchführen. Aussagekräftig ist vor allem der vorsichtige Fall. Ist das Unternehmen auch dort Default Alive oder lässt es sich durch vorbereitete Kostenmaßnahmen dorthin bringen, sinkt die Abhängigkeit von der nächsten Finanzierung erheblich.

Rechtlicher Bezug: Fortführungsprognose

Das deutsche Insolvenzrecht kennt eine verwandte, aber rechtlich eigenständige Prüfung. Nach § 19 Abs. 2 InsO ist ein Unternehmen überschuldet, wenn sein Vermögen die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Das gilt nicht, wenn die Fortführung des Unternehmens in den nächsten zwölf Monaten nach den Umständen überwiegend wahrscheinlich ist. Grundlage dieser Fortführungsprognose ist ein Finanzplan, der zeigt, dass die Zahlungsfähigkeit im Prognosezeitraum erhalten bleibt.

Für ein Unternehmen, das Default Alive ist, lässt sich eine solche Prognose in der Regel aus dem eigenen Geschäft begründen. Ein Unternehmen, das Default Dead ist, stützt sie dagegen auf eine erwartete Finanzierung. Das ist zulässig, verlangt aber belastbare Anhaltspunkte dafür, dass die Mittel rechtzeitig zufließen, etwa verbindliche Zusagen von Bestandsinvestoren. Welche Belege im Einzelfall genügen, ist eine insolvenzrechtliche Frage für die Kanzlei des Unternehmens. Die Geschäftsführung einer GmbH sollte die Antwort kennen, bevor die Runway knapp wird, weil sie bei Überschuldung nach § 15a InsO zum Insolvenzantrag verpflichtet ist.

Bedeutung in Finanzierungsrunde und Bewertung

Die Antwort auf die Default-Alive-Frage bestimmt die Verhandlungsposition in einer Finanzierungsrunde. Ein Unternehmen, das seine Gewinnschwelle aus eigener Kraft erreichen kann, verhandelt ohne Zeitdruck und kann Angebote ablehnen. Ein Unternehmen, das Default Dead ist und dessen Runway abnimmt, verhandelt mit jedem Monat aus einer schwächeren Lage. In der Due Diligence rechnen Investoren die Prüfung häufig mit eigenen, vorsichtigeren Wachstumsannahmen nach und fragen, welche Kosten sich bei ausbleibender Finanzierung wie schnell senken ließen.

Default Alive zu sein ist allerdings nicht das alleinige Ziel eines wagniskapitalfinanzierten Unternehmens. Investoren finanzieren Wachstum. Ein Unternehmen, das die Gewinnschwelle nur erreicht, weil es sein Wachstum weitgehend einstellt, wird anders bewertet als eines, das schnell und mit vertretbarem Mittelverbrauch wächst. Die Rule of 40 bildet diesen Ausgleich in einer Kennzahl ab: Umsatzwachstum und Gewinnmarge in Prozent sollen zusammen mindestens 40 ergeben.

Rechenbeispiel: Default Alive oder Default Dead berechnen

Ein Softwareunternehmen verfügt über 1,5 Mio. Euro liquide Mittel. Die Auszahlungen betragen 400.000 Euro je Monat, die Einzahlungen im ersten Monat 200.000 Euro. Die Einzahlungen steigen seit einiger Zeit um 20.000 Euro je Monat, zu Beginn entspricht das einem Wachstum von 10 % im Monat. Die Kosten bleiben gleich.

  • Net Burn im ersten Monat: 400.000 minus 200.000 = 200.000 Euro.
  • Statische Runway: 1.500.000 geteilt durch 200.000 = 7,5 Monate.
  • Der Net Burn sinkt jeden Monat um 20.000 Euro: 200.000, 180.000, 160.000 und so fort bis 20.000 Euro im zehnten Monat.
  • Gewinnschwelle im elften Monat: Einzahlungen 200.000 + 10 × 20.000 = 400.000 Euro, gleich den Auszahlungen.
  • Mittelverbrauch bis dahin: 200.000 + 180.000 + … + 20.000 = 20.000 × (1 + 2 + … + 10) = 20.000 × 55 = 1,1 Mio. Euro.
  • Verbleibende Mittel: 1,5 Mio. minus 1,1 Mio. = 400.000 Euro. Das Unternehmen ist Default Alive.

Variante: Geplante Einstellungen erhöhen die Auszahlungen Monat für Monat um weitere 10.000 Euro. Der Net Burn sinkt dann nur noch um 10.000 Euro je Monat.

  • Gewinnschwelle erst im 21. Monat: 200.000 minus 20 × 10.000 = 0 Euro Net Burn.
  • Mittelverbrauch bis dahin: 10.000 × (1 + 2 + … + 20) = 10.000 × 210 = 2,1 Mio. Euro.
  • Nach neun Monaten sind 9 × 200.000 minus 10.000 × (0 + 1 + … + 8) = 1.800.000 minus 360.000 = 1,44 Mio. Euro verbraucht. Die Mittel reichen bis in den zehnten Monat.
  • Fehlbetrag bis zur Gewinnschwelle: 2,1 Mio. minus 1,5 Mio. = 600.000 Euro zuzüglich eines Sicherheitspuffers. In dieser Variante ist das Unternehmen Default Dead.

Dieselbe Ausgangslage führt je nach Kostenplanung zu entgegengesetzten Ergebnissen. Die statische Runway von 7,5 Monaten sagt über beide Fälle wenig aus. In der Variante reichen die Mittel gut neun Monate. Weil ein Finanzierungsprozess häufig sechs bis acht Monate dauert, muss die Geschäftsführung sofort entscheiden, ob sie die Einstellungen verschiebt oder den Prozess beginnt.

Abgrenzung: Default Alive, Runway, Break-Even und Cash Flow Positive

  • Runway: die Reichweite der Mittel beim aktuellen oder geplanten Abfluss. Default Alive fragt, ob der Abfluss innerhalb dieser Reichweite endet.
  • Break-Even: die Gewinnschwelle laut Ergebnisrechnung, an der Erlöse und Kosten sich ausgleichen. Die Default-Alive-Prüfung stellt auf den Ausgleich der Zahlungen ab und fragt, ob er mit den vorhandenen Mitteln erreichbar ist.
  • Cash Flow Positive: der Zustand, in dem die Einzahlungen die Auszahlungen bereits übersteigen. Default Alive beschreibt den Weg dorthin, nicht den erreichten Zustand.
  • Cockroach: bezeichnet ein Unternehmen, das durch niedrigen Mittelverbrauch und Anpassungsfähigkeit lange im Markt bleibt. Default Alive ist die rechnerische Prüfung, ob das gelingt.

Typische Fehler

  • Wachstum ohne Kosten fortschreiben. Wer steigende Einzahlungen bei konstanten Auszahlungen annimmt, obwohl Wachstum zusätzliche Mitarbeitende erfordert, verlegt die Gewinnschwelle rechnerisch nach vorn.
  • Einmalige Prüfung. Die Antwort ändert sich mit jedem Monat, in dem Wachstum oder Kosten vom Plan abweichen. Sie gehört in das monatliche Reporting.
  • Die Finanzierung als sicher unterstellen. Ein Plan, der die Tragfähigkeit nur mit einer noch nicht zugesagten Runde erreicht, beschreibt ein Unternehmen, das Default Dead ist.
  • Kein Puffer. Eine Gewinnschwelle, die mit fast vollständig verbrauchten Mitteln erreicht wird, hält keiner Planabweichung stand.
  • Kostensenkung zu spät. Maßnahmen wirken wegen Kündigungsfristen erst nach Monaten. Wer bei kurzer Runway damit beginnt, erreicht die Tragfähigkeit nicht mehr rechtzeitig.

Häufige Fragen

Kann ein Unternehmen mit Verlusten Default Alive sein?

Ja. Es kommt nicht auf den heutigen Verlust an, sondern darauf, ob die Einzahlungen die Auszahlungen erreichen, bevor die Mittel verbraucht sind. Ein Unternehmen mit hohem Mittelabfluss und schnell steigendem Umsatz kann diese Bedingung erfüllen.

Wie berechnet man, ob ein Unternehmen Default Alive ist?

Mit einer monatlichen Fortschreibung der Ein- und Auszahlungen auf Basis des aktuellen Wachstums und der geplanten Kosten. Aus ihr ergeben sich der Monat der Gewinnschwelle und der kumulierte Mittelverbrauch bis dahin, der mit den vorhandenen Mitteln verglichen wird. Dafür genügt eine Tabellenkalkulation mit drei Eingaben: liquide Mittel, monatliche Auszahlungen und monatlicher Zuwachs der Einzahlungen.

Bevorzugen Investoren Unternehmen, die Default Alive sind?

Nicht in jedem Fall. Wagniskapitalgeber investieren in Wachstum und nehmen dafür Verluste in Kauf. Sie achten aber darauf, dass ein Unternehmen im Notfall aus eigener Kraft tragfähig werden kann, und bewerten die Glaubwürdigkeit dieses Wegs.

Was kann ein Unternehmen tun, das Default Dead ist?

Es hat drei Möglichkeiten: Kosten senken, Einzahlungen beschleunigen oder frühzeitig eine Finanzierung einwerben, etwa eine Bridge Round (Zwischenrunde) der Bestandsinvestoren. Je früher die Entscheidung fällt, desto mehr Möglichkeiten bestehen.

Roemer Capital Perspektive

Zu jedem Finanzmodell, das wir für eine Finanzierungsrunde aufbauen, gehört neben den drei Fällen eine weitere Rechnung. Sie zeigt, ob und wie das Unternehmen ohne die geplante Runde die Gewinnschwelle erreichen würde. Diese Rechnung bedeutet nicht, dass die Runde verzichtbar wäre. Sie belegt, dass die Geschäftsführung ihre Kostenstruktur kennt und im Ernstfall handlungsfähig bleibt.

Auch den Zeitplan einer Runde leiten wir daraus ab. Ein Unternehmen, das Default Dead ist, sollte den Prozess beginnen, solange die Mittel noch 12 bis 18 Monate reichen. Nur dann bleibt genug Zeit, um mehrere Angebote zu vergleichen, statt das erste annehmen zu müssen.

Zuletzt geprüft am 6. Oktober 2026. Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall.

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Artikel recherchiert und geschrieben von:

Default Alive
Lucas Roemer
Gründer und CEO
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