Burn Rate
Die Burn Rate ist der monatliche Abfluss liquider Mittel: brutto alle Auszahlungen, netto die Auszahlungen abzüglich der Einzahlungen aus dem Geschäft.
Was ist die Burn Rate?
Burn Rate (monatlicher Mittelverbrauch, auch Cash Burn) bezeichnet den Betrag an liquiden Mitteln, also an Bankguthaben und Kasse, der einem Unternehmen in einem Monat abfließt. Unterschieden werden zwei Fassungen: der Brutto-Burn als Summe aller Auszahlungen und der Netto-Burn als Auszahlungen abzüglich der Einzahlungen aus dem Geschäft, vor allem der Zahlungen von Kunden. Geld von Investoren und Kreditgebern zählt in keiner der beiden Fassungen als Einzahlung. Anschaulich ist das Bild eines Wasserbehälters: Der Brutto-Burn misst den Abfluss, der Netto-Burn, um wie viel der Pegel nach Abzug des Zulaufs sinkt.
Gebraucht wird die Kennzahl vor allem in Wachstumsunternehmen, die bewusst mehr ausgeben, als sie einnehmen, und die Differenz mit Eigenkapital von Investoren decken. Sie steht im monatlichen Reporting an Gesellschafter und Beirat, im Finanzmodell, in Investorengesprächen und in der Financial Due Diligence, der Prüfung der Finanzzahlen durch Investoren oder Käufer vor Vertragsschluss. Zusammen mit dem Bestand an liquiden Mitteln bestimmt der Netto-Burn die Runway, also die Zahl der Monate bis zum Verbrauch der vorhandenen Mittel.
Brutto-Burn und Netto-Burn
Brutto-Burn (Gross Burn)
Der Brutto-Burn umfasst sämtliche Auszahlungen eines Monats: Gehälter einschließlich Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen, Miete, Software und Infrastruktur, Marketing, externe Dienstleister, Investitionen in Ausstattung und die Bedienung von Krediten. Er zeigt die Kostenbasis, die das Unternehmen unabhängig von seinen Umsätzen trägt und die die Geschäftsführung über Einstellungen und Ausgaben unmittelbar steuert.
Netto-Burn (Net Burn)
Der Netto-Burn zieht vom Brutto-Burn die Einzahlungen aus dem Geschäft ab. Er zeigt, um wie viel der Bestand an liquiden Mitteln tatsächlich sinkt, und ist deshalb die Größe, mit der die Runway berechnet wird. Ist der Netto-Burn negativ, fließt mehr zu als ab; das Unternehmen ist dann cashflow-positiv.
Wer von „Burn“ spricht, meint in der Praxis meist den Netto-Burn. Für die Analyse sind beide Größen nötig: Ein sinkender Netto-Burn kann auf wachsende Umsätze zurückgehen oder auf gekürzte Ausgaben. Erst der Brutto-Burn zeigt, welche Ursache vorliegt.
Formel: Brutto-Burn = Summe aller Auszahlungen eines Monats; Netto-Burn = Brutto-Burn − Einzahlungen aus dem Geschäft, ohne Zuflüsse von Investoren und Kreditgebern
Burn Rate berechnen: Zahlungen statt Aufwand
Die Burn Rate ist eine Liquiditätsgröße, keine Ergebnisgröße. Sie misst Zahlungen, nicht Aufwand und Ertrag. Daraus folgen mehrere Abweichungen zur Gewinn- und Verlustrechnung:
- Abschreibungen verteilen die Anschaffungskosten etwa eines Servers oder einer Büroausstattung auf die Jahre der Nutzung. Sie mindern das Ergebnis, führen aber zu keiner Auszahlung und bleiben außen vor. Die Anschaffung selbst zählt dagegen im Monat der Zahlung in voller Höhe.
- Rückstellungen sind Beträge, die in der Bilanz für Verpflichtungen gebildet werden, deren Höhe oder Fälligkeit noch offen ist, etwa für nicht genommenen Urlaub. Sie mindern das Ergebnis sofort, die Burn Rate erst, wenn gezahlt wird.
- Forderungen aus Rechnungen, die Kunden noch nicht beglichen haben, erhöhen den Umsatz, aber noch nicht die Einzahlungen.
- Finanzierungszuflüsse aus Kapitalerhöhungen, Wandeldarlehen oder Krediten gehen nicht in die Burn Rate ein. Sie verlängern die Runway, stammen aber nicht aus dem Geschäft.
Weil einzelne Monate stark schwanken, wird die Burn Rate häufig als Durchschnitt der letzten drei Monate angegeben. Schwankungen entstehen durch jährlich fällige Versicherungen und Lizenzen, quartalsweise Steuervorauszahlungen, Bonuszahlungen, Umsatzsteuerzahlungen und größere Einzelaufträge. Ein Durchschnitt ist nur aussagekräftig, wenn solche Posten erkennbar bleiben.
Burn Rate in Planung und Steuerung
Rückblickend beschreibt die Burn Rate, was geschehen ist. Für Entscheidungen zählt die geplante Burn Rate der kommenden Monate. Sie ergibt sich aus der Liquiditätsplanung, die monatsgenau alle erwarteten Ein- und Auszahlungen fortschreibt, und aus dem Finanzmodell, das diese Planung über mehrere Jahre in Szenarien abbildet. Im laufenden Geschäftsjahr wird sie über den Forecast aktualisiert, eine Hochrechnung aus den bisherigen Istwerten und der aktuellen Erwartung für die restlichen Monate. In Technologieunternehmen entfällt häufig der größte Teil des Brutto-Burns auf Personal. Der Einstellungsplan ist deshalb die wichtigste Stellgröße der künftigen Burn Rate.
Gesellschaftervereinbarungen machen das Jahresbudget häufig von der Zustimmung der Investoren oder eines Beirats abhängig und verlangen Berichte über Abweichungen. Unabhängig davon verpflichtet das Restrukturierungsgesetz (§ 1 Abs. 1 StaRUG) die Geschäftsleitung, fortlaufend über Entwicklungen zu wachen, die den Fortbestand des Unternehmens gefährden können. Eine regelmäßig gegen den Plan abgeglichene Burn Rate gehört naheliegend dazu.
Gesteuert wird die Burn Rate über frühere Einzahlungen (kürzere Zahlungsziele, Vorauskasse, konsequentes Forderungsmanagement), spätere Auszahlungen (verhandelte Lieferantenziele) und eine niedrigere Kostenbasis. Kostensenkungen wirken am stärksten, wegen Kündigungsfristen aber meist erst nach einigen Monaten.
Burn Multiple als Effizienzmaß
Eine hohe Burn Rate ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Maßgeblich ist, welches Wachstum sie erzeugt. Diese Frage beantwortet das Burn Multiple. Es bezieht den Mittelverbrauch auf den Zuwachs beim wiederkehrenden Jahresumsatz (ARR, Annual Recurring Revenue).
Formel: Burn Multiple = Netto-Burn eines Zeitraums geteilt durch netto hinzugewonnenen ARR im selben Zeitraum
Netto hinzugewonnen heißt: Umsatz mit Neukunden und Mehrumsatz mit Bestandskunden abzüglich Kündigungen und Verkleinerungen. Ein Burn Multiple von 1 bedeutet, dass für jeden Euro zusätzlichen ARR ein Euro an Liquidität verbraucht wurde. Als Faustregel gilt ein Wert unter 1 als sehr effizient und ein Wert bis etwa 2 als vertretbar; deutlich höhere Werte werden in der Regel kritisch hinterfragt. Bei langen Verkaufszyklen oder hohen Vorleistungen in die Produktentwicklung sind zeitweise höhere Werte üblich. Das Burn Multiple ergänzt Kennzahlen wie die Rule of 40 (Umsatzwachstum plus Gewinnmarge in Prozent, Zielwert mindestens 40) und den Amortisationszeitraum der Kundengewinnungskosten, ersetzt sie aber nicht.
Burn Rate in Finanzierungsrunde und Due Diligence
In einer Finanzierungsrunde bestimmt die Burn Rate zwei Größen: den Zeitpunkt, zu dem ein Prozess beginnen muss, und die Höhe der Runde. Investoren fragen nach Brutto- und Netto-Burn, nach der Entwicklung über die letzten zwölf Monate und nach der geplanten Burn Rate nach der Runde. Die geplante Mittelverwendung im Pitch Deck, also die Aufteilung des neuen Kapitals auf Personal, Vertrieb und Produkt, sollte sich aus diesen Zahlen ableiten lassen. Verbreitet ist, eine Runde so zu bemessen, dass sie bei geplantem Burn 18 bis 24 Monate Runway schafft.
Prüfer gleichen die berichtete Burn Rate in der Due Diligence gegen Kontoauszüge, die Summen- und Saldenliste (Übersicht aller Buchhaltungskonten) und die monatlichen betriebswirtschaftlichen Auswertungen (BWA) ab. Typische Prüffragen sind, ob ausstehende Zahlungen an Lieferanten den Burn künstlich niedrig halten, ob Einmaleffekte herausgerechnet wurden und ob der geplante Anstieg nach der Runde im Personalplan hinterlegt ist. Große Abweichungen zwischen früherem Plan und Ist schwächen die Glaubwürdigkeit der gesamten Planung.
Rechenbeispiel: Burn Rate, Runway und Burn Multiple berechnen
Ein Softwareunternehmen weist für die letzten drei Monate durchschnittlich folgende Zahlungen aus: Personal 330.000 Euro, Miete und IT 60.000 Euro, Marketing 90.000 Euro. Die Einzahlungen von Kunden betragen im Schnitt 290.000 Euro je Monat. Die liquiden Mittel belaufen sich auf 3,42 Mio. Euro. Der ARR ist im abgelaufenen Quartal netto um 600.000 Euro gestiegen.
- Brutto-Burn: 330.000 + 60.000 + 90.000 = 480.000 Euro je Monat.
- Netto-Burn: 480.000 minus 290.000 = 190.000 Euro je Monat.
- Runway: 3.420.000 geteilt durch 190.000 = 18 Monate.
- Netto-Burn im Quartal: 3 × 190.000 = 570.000 Euro.
- Burn Multiple: 570.000 geteilt durch 600.000 = 0,95.
- Geplante Einstellungen erhöhen den Brutto-Burn um 60.000 Euro auf 540.000 Euro. Bei unveränderten Einzahlungen steigt der Netto-Burn auf 250.000 Euro.
- Runway nach den Einstellungen: 3.420.000 geteilt durch 250.000 = rund 13,7 Monate.
Das Burn Multiple von 0,95 zeigt effizientes Wachstum: Für jeden Euro neuen ARR wurde weniger als ein Euro Liquidität verbraucht. Die Einstellungen verkürzen die Runway jedoch um mehr als vier Monate, sofern die Einzahlungen nicht im selben Zug steigen. Mit 13,7 Monaten liegt sie noch in der Spanne von 12 bis 18 Monaten, die bei Beginn eines Finanzierungsprozesses vorhanden sein sollte. Ob die Einstellungen vertretbar sind, hängt davon ab, wann die neuen Mitarbeitenden zusätzlichen Umsatz erzeugen. Diese Annahme gehört in die Liquiditätsplanung und wird von Investoren in der Prüfung hinterfragt.
Abgrenzung: Burn Rate, Net Burn, Runway und operativer Cashflow
- Net Burn: die Nettogröße der Burn Rate und Grundlage der Runway-Rechnung. Der eigene Eintrag behandelt die Bereinigung um Einmaleffekte.
- Runway: die Zeitgröße, die sich aus liquiden Mitteln und Netto-Burn ergibt. Der Netto-Burn ist ihr Nenner.
- Operativer Cashflow: der Saldo der Zahlungen aus laufender Geschäftstätigkeit laut Kapitalflussrechnung, ohne Investitionen und ohne Schuldendienst. Ohne Investitionen und Kredite entspricht der Netto-Burn im Wesentlichen einem negativen operativen Cashflow.
- Default Alive: die Frage, ob ein Unternehmen bei aktueller Entwicklung die Gewinnschwelle erreicht, bevor die Mittel verbraucht sind. Die Burn Rate ist dafür eine Eingangsgröße.
Typische Fehler
- Ergebnis statt Zahlungen. Wer die Burn Rate aus der Gewinn- und Verlustrechnung ableitet, übersieht Investitionen, Forderungen und Zahlungsziele und erhält eine zu optimistische Zahl.
- Nur eine Zahl nennen. Ein Netto-Burn ohne Brutto-Burn verdeckt, ob Umsatzwachstum oder Kostenkürzung für den Rückgang verantwortlich ist.
- Rückblick statt Plan. Die Runway wird mit dem Burn der Vergangenheit gerechnet, obwohl bereits Einstellungen beschlossen sind, die ihn erhöhen.
- Keine Effizienzbetrachtung. Eine niedrige Burn Rate ohne Wachstum überzeugt Investoren ebenso wenig wie hohes Wachstum mit einem Burn Multiple weit über 2.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Gross Burn und Net Burn?
Der Gross Burn umfasst alle Auszahlungen eines Monats und zeigt die Kostenbasis. Der Net Burn zieht davon die Einzahlungen aus dem Geschäft ab und zeigt, wie stark die liquiden Mittel tatsächlich sinken.
Wie wird die Burn Rate berechnet?
Der Brutto-Burn ist die Summe aller Auszahlungen eines Monats, der Netto-Burn ergibt sich aus diesen Auszahlungen abzüglich der Einzahlungen aus dem Geschäft. Gerechnet wird mit tatsächlichen Zahlungen, meist als Durchschnitt der letzten drei Monate. Grundlage sind Kontobewegungen oder eine direkt aufgestellte Liquiditätsrechnung, nicht der Aufwand laut Gewinn- und Verlustrechnung.
Was ist eine gute Burn Rate?
Einen allgemein guten Betrag gibt es nicht. Vertretbar ist sie, wenn die Runway den nächsten Finanzierungsprozess mit Puffer abdeckt und das Wachstum den Verbrauch trägt. Als Faustregel gilt ein Burn Multiple um 1 als gut; ein hoher Burn bei stagnierendem Umsatz ist dagegen ein Warnsignal.
Wie oft sollte die Burn Rate ermittelt werden?
Monatlich als Kennzahl im Reporting, der Kontostand zusätzlich wöchentlich. In Phasen knapper Liquidität ist eine wöchentliche Liquiditätsvorschau üblich.
Roemer Capital Perspektive
Vor dem ersten Investorenkontakt rekonstruieren wir Brutto- und Netto-Burn der letzten zwölf Monate aus den Kontobewegungen und gleichen sie mit dem Reporting ab. Abweichungen sind damit geklärt, bevor sie in der Due Diligence zur Frage werden.
Aus der geplanten Burn Rate leiten wir den Zeitplan ab. Eine Finanzierungsrunde dauert erfahrungsgemäß sechs bis acht Monate; bei Prozessbeginn sollten deshalb 12 bis 18 Monate Runway vorhanden sein. In Fractional-CFO-Mandaten bauen wir Burn Rate und Burn Multiple fest in das monatliche Reporting an die Gesellschafter ein.
Zuletzt geprüft am 6. Oktober 2026. Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall.
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