Kapitaldienstfähigkeit
Die Kapitaldienstfähigkeit zeigt, ob ein Unternehmen Zins und Tilgung aus dem laufenden Geschäft tragen kann. Sie entscheidet über jede Kreditzusage.
Was ist Kapitaldienstfähigkeit?
Die Kapitaldienstfähigkeit beantwortet die Frage, die jede Bank zuerst stellt: Kann das Unternehmen Zins und Tilgung aus dem laufenden Geschäft bezahlen — und zwar auch dann, wenn es schlechter läuft als geplant?
Sie ist damit wichtiger als Sicherheiten. Sicherheiten sind der zweite Weg. Der erste ist, dass der Kredit aus dem Ertrag zurückkommt.
Die Rechnung
Zuerst wird der Betrag ermittelt, der für den Kapitaldienst zur Verfügung steht:
Jahresüberschuss
+ Abschreibungen
+ Zinsaufwand
− Steuern
− Privatentnahmen und Ausschüttungen
− notwendige Ersatzinvestitionen
= verfügbarer Kapitaldienst
Dem wird der tatsächliche Kapitaldienst gegenübergestellt: Zins und Tilgung aller Darlehen, inklusive des neuen.
Kapitaldienstgrenze = verfügbarer Kapitaldienst ÷ tatsächlicher Kapitaldienst
Rechenbeispiel
Ein Unternehmen mit 320.000 Euro Jahresüberschuss:
- + Abschreibungen 180.000
- + Zinsaufwand 45.000
- − Steuern 110.000
- − Entnahmen 90.000
- − Ersatzinvestitionen 120.000
- = verfügbarer Kapitaldienst 225.000 Euro
Bestehender Kapitaldienst: 140.000 Euro. Der neue Kredit kostet 60.000 Euro im Jahr. Zusammen 200.000 Euro.
Verhältnis: 225.000 / 200.000 = 1,13. Das ist knapp. Banken wollen in der Regel deutlich mehr Abstand sehen — ein Wert um 1,3 und darüber gilt als komfortabel, je nach Branche und Schwankungsbreite.
Die entscheidende Frage kommt danach: Was passiert bei 15 Prozent weniger Umsatz? Genau diese Rechnung macht die Bank, und wer sie selbst mitliefert, argumentiert auf Augenhöhe.
Die drei Stellschrauben
- Laufzeit verlängern. Dieselbe Summe über acht statt fünf Jahre senkt die jährliche Tilgung spürbar. Kostet mehr Zinsen insgesamt, schafft aber Luft.
- Tilgungsfreie Anlaufzeit. Besonders sinnvoll, wenn die Investition erst nach Monaten Ertrag bringt.
- Entnahmen senken. Der Posten, den das Unternehmen selbst in der Hand hat — und der in der Bankrechnung voll durchschlägt.
Typische Fehler
- Entnahmen nicht abziehen. Der häufigste Rechenfehler bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften.
- Ersatzinvestitionen vergessen. Ein Maschinenpark, der nicht erneuert wird, erzeugt scheinbare Kapitaldienstfähigkeit.
- Nur den erwarteten Fall rechnen. Die Bank rechnet den schlechten. Wer ihn selbst mitbringt, wirkt vorbereitet.
- Bestehende Verpflichtungen übersehen. Leasing und Mieten gehören in die Betrachtung, auch wenn sie nicht Darlehen heißen.
- Auf Sicherheiten vertrauen. Sie verbessern die Konditionen, ersetzen aber die Tragfähigkeit nicht.
Häufige Fragen
Welcher Wert wird erwartet?
Das hängt von Branche, Schwankungsbreite und Bank ab. Als Faustregel gilt: deutlich über 1,0 und mit Puffer für ein schlechtes Jahr. Wer nahe an 1,0 liegt, bekommt entweder keinen Kredit oder einen mit höherem Zins.
Was ist bei jungen Unternehmen?
Ohne Ertragshistorie ist die Rechnung schwierig. Dann treten Sicherheiten, Haftungsfreistellungen von Förderbanken oder Eigenkapital an ihre Stelle.
Zählt das Geld aus einer Finanzierungsrunde mit?
Als Liquidität ja, als laufende Ertragskraft nein. Eine Bank finanziert gegen Cashflow, nicht gegen Kontostand — auch wenn der Kontostand hilft.
Roemer Capital Perspektive
Wir rechnen die Kapitaldienstfähigkeit vor jedem Bankgespräch selbst durch, im erwarteten und im vorsichtigen Fall. Der Effekt ist nicht nur inhaltlich: Ein Unternehmen, das diese Rechnung unaufgefordert vorlegt, verändert den Charakter des Gesprächs. Es wird geprüft, ob die Rechnung stimmt, statt ob man rechnen kann.
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